„Stiefmütterchen nur von der Seite gießen“ - Martina Staudenmayers poetisches Spiel mit den Zeichen


Aus der Eröffnungsrede von Dr. Ulrike Zubal zur Ausstellung "EINE VERWECHSLUNG IST KAUM MÖGLICH"

pro arte ulmer kunststiftung, September 2010


 

Was, wenn Sie diesen Satz hören? Der ja eigentlich kein Satz ist, zumindest kein vollständiger, denn Subjekt und Prädikat fehlen. Eben auch kein Imperativ, denn das Verb „gießen“ erscheint im Infinitiv. Eher eine anonym daher kommende Handlungsanweisung wie „Jetzt klatschen“ auf einem hoch gehaltenen Schild. Gesetzt, hinter den Worten stünde ein Ausrufungszeichen, was dann? Aus der Anweisung, die auch ein gut gemeinter Rat sein könnte, ist ein Befehl geworden, eine Warnung, eine Drohung, „wenn du nicht …, dann …“? Aber: wer befiehlt hier wem, wer warnt hier wen? Ein Gärtner vielleicht eine Kundin? Eine Blumenliebhaberin ihre Nachbarin? Ihre Stiefmutter Sie?

Ich denke, es ist eine Frau, die spricht, die zu einer anderen Frau spricht, wobei ich nicht sagen könnte, wieso ich auf diesen Gedanken verfalle. Für mich spricht eine Frau, die „von der Seite“ kommt, eine Frau, die wie die Stiefmutter nicht direkt mit mir verwandt ist. Stiefmütterchen, Mütterchen, Mutter, Stiefmutter, Schwiegermutter – wohin führen mich meine Assoziationen? Für jeden Fall heißen sie mich vorsichtig sein, sonst gehen die Blümelein ein. Wobei wiederum nicht ganz klar ist, um welche Blümelein es sich handelt: die Stiefmütterchen in meinem Vorgarten, mich, der ich dem Befehl „von der Seite gießen“ nicht Folge leiste, oder jene sich unterschwellig selbst meinende Mutter „von der Seite“, die mit Vorsicht zu genießen ist. Man darf sie „nur von der Seite“ angehen, nie direkt, das nimmt sie übel.

Fragen über Fragen. Wenn man dem Satz hinterher hört wie ein Kind, das ihn zum ersten Mal hört. Es kennt das gesellschaftliche Umfeld noch nicht, das den Sinn vereindeutigt und ihm dadurch seinen Schrecken nimmt. Es hört die einzelnen Worte noch ganz frisch, losgelöst von ihrem Kontext, und macht sich seinen Reim darauf, der nicht der sein muss, den sich ein normaler Erwachsener macht. Was für eine geheime Botschaft liegt in diesem scheinbar harmlosen Satz „Stiefmütterchen nur von der Seite gießen“, denkt das Kind, denkt jemand, der wie ein Kind aufmerksam lauscht und das Gewöhnliche ungewöhnlich nimmt?

Am besten nachfragen: was ist ein Stiefmütterchen? Ein Stiefmütterchen ist ein Veilchen mit einem Stiefmuttergesicht, auf italienisch viola con viso di matrigna. Man hat die Farbgegensätze der Blüte als Ausdruck eines bösartigen Gesichts gedeutet, und wenn man genau hinsieht, sieht man diese Bösartigkeit. Es ist eben nicht so harmlos, wie es aussieht, dieses Blümchen.

Stiefmütterchen sind maliziös,
Ihr Blick stets stiefmutterbös,
Und mancher Grashalm ruft erstaunt:

Madame, schon wieder schlecht gelaunt?

(Mascha Kaleko)

Die geheime Botschaft der Sprachzeichen, der Zeichen, der Sprachbilder, der Bilder –

„Blumenblätter“ – „Zeichenblätter“. Auf dem Boden ein Beet voller Stiefmütterchen, hintereinander in langen Reihen angeordnet. Hier und da tanzt eins aus der Reihe und verweigert sich der linearen Geometrie. An die 50 Blumenblätter, alle nach Originalen gezeichnet, jedes anders als das andere. Stiefmütterchenportraits, abstrakt gezeichnet das eine, hingehauchte Umrisse beim anderen, Zeichnungen, die den jeweiligen Charakter der Blumendame herausarbeiten. Einige haben ganz schlabbrige Blätter, andere große, schwere Blütenhäupter auf dünnem Stengelhals. Ein ganzes Beet voller älterer, leicht misanthrop dreinblickender Damen. Achtung, wir befinden uns in guter, um nicht zu sagen, ein wenig spießiger Gesellschaft und müssen aufpassen auf das, was wir sagen. Denn sonst runzeln die Damen ihre Stirnblütenblätter. Und vor allem: „nur von der Seite gießen“.

Es ist Mai, bald ist die Stiefmütterchensaison zu Ende, sagt Martina Staudenmayer, dann ist auch mit dem Portraitieren Schluss. Vor ihr zarte, weiße Blätter, die auf zierlichen grünen Füßchen stehen. Von hinten betrachtet wirken die Gestelle wie Wurzeln, und doch auch wieder nicht. Die Blätter stehen auf kleinen Podesten, wie früher die großen Werke der Bildhauerei, bevor die Moderne angesagt war. Fragile Stiefmütterchenskulpturen, die eigentlich aus einem Skizzenbuch herausgerissene Blätter sind.

Was für ein poetischer Umgang mit dem, was man die Mimesisfunktion der abendländischen Kunst genannt hat! Seit der griechischen Klassik, also dem 5., 4. Jahrhundert vor unserer Zeit, hat sich Europa immer und immer wieder neu darum bemüht, in seinen Bildwelten die Wirklichkeit, so wie sie unseren Sinnen erscheint, abzubilden, sie nachzuahmen, und griechisch mimesis heißt Nachahmung. Dieser Hang zum „Realismus“ wurde Ende des 19. Jahrhunderts fragwürdig, und ein ganz wesentliches Moment der modernen Kunst des 20. Jahrhunderts, wenn nicht das entscheidende überhaupt, ist es, hinter scheinrealistischen Darstellungen immer wieder den Zeichencharakter der Kunst aufleuchten zu lassen, die begriffen hat, dass es nicht darum geht, die Illusion einer Wirklichkeit herzustellen, sondern eben und gerade die Aussichtslosigkeit dieses Unterfangens, sprich die Illusion dieser Illusion. Denn die Wirklichkeit ist uns Menschen des 21. Jahrhunderts abhanden gekommen, was bleibt, sind rätselhafte Zeichen, die für sich stehen, Worte, Bilder, denen wir Hörer und Betrachter einen Sinn geben, der an sich gar nicht da ist. Da heißt es „Vorsicht, Achtung“: „Stiefmütterchen nur von der Seite gießen“. Von nun an müssen wir die Zeichen „von der Seite“ betrachten, die Sprachzeichen wie die Bildzeichen. Dann bekennen sie ihre Aspekthaftigkeit, dann löst sich ihr scheinbar eindeutiger Sinn in viele Varianten auf, von denen keine Anspruch auf absolute Wahrheit erheben kann. Von vorne gesehene, realistische, dreidimensionale Abbilder von Stiefmütterchen bekennen „von der Seite“ her gesehen ihre Linearität und mutieren von hinten betrachtet zu zweidimensionalen weißen Blättern.

Die Bleistiftzeichnungen Martina Staudenmayers oszillieren zwischen Linearität und Räumlichkeit, zwischen Bild und Skulptur. Die Künstlerin spielt mit uns und unserem Jahrhunderte lang eingeübten Hang, das, was wir wahrnehmen, als real zu verkennen. Stiefmütterchen in schwarz – weiß, warum nicht bunt wie daheim im Beet? Diese Blumenbilder wollen eben keine realistischen Abbilder sein, sondern behaupten sich als Zeichnungen. Sie haben Zeichencharakter und wollen uns eben darauf aufmerksam machen. Der Realismus des Blumenportraits entpuppt sich als Illusion.

Wie in Martina Staudenmayers Fotografien. Wenn man genau hinschaut, wird auf ihnen, in ihnen ein nahezu unsichtbarer Text erkennbar. Ein Satz wie: „Er hat immer ganz wenig gesprochen“ oder „Ich habe dich im Wald gesehen.“ Er erhellt das Bild nicht, ebenso wenig wie die Fotografie ihn illustriert. Und dennoch tritt er mit ihr in eine rätselhafte Verbindung, assoziiert sich ihr, fordert uns auf, zu assoziieren, mit Bild und Satz etwas anzufangen, sie zu deuten. Ich seh´ etwas, was du nicht siehst. „Er hat immer ganz wenig gesprochen“, der dürre Baum in der Gartenszene? Und da ein Wald, viele, viele Bäume, Baumstämme eigentlich, man sieht die Baumspitzen nicht, in der Waldlandschaft verborgen ein Text. Manche sehen vor lauter Bäumen den Wald nicht, manche sehen den Text nicht, obwohl einer schaut, sieht er nichts. Der andere aber sieht etwas, wo andere nur Bäume sehen. Schauen Sie gut hinein, denn „Ich habe dich im Wald gesehen“.

 

Das passiert, wenn den Menschen die Deutungshoheit abhanden gekommen ist, die Eindeutigkeit der Worte, der Bilder, der Zeichen. Nichts ist mehr so, wie es scheint. Martina Staudenmayer spielt mit uns ein subtiles poetisches Spiel als Zeichnerin, und zwar im doppelten Sinne des Wortes. Zum einen sind viele ihrer Werke tatsächlich Zeichnungen, Bleistiftzeichnungen, und zum anderen, ist ihre Welt zeichenhaft. Worte und Bildmotive geben sich als Zeichen zu erkennen, die verstanden werden wollen, die sprechen und sagen: ich habe dir etwas ganz Besonderes mitzuteilen, etwas, was die anderen nicht hören und sehen, und das ist allein für dich. Andere werden Anderes erfahren.

… Manchmal kommen Martina Worte unter, assoziieren sich und ergeben einen verblüffend neuen Sinn. Sie fallen aus dem normalen Kontext heraus und verweisen auf etwas Fremdes, Ursprüngliches, Ungewohntes, was durch den alltäglich verschleifenden Umgang verloren gegangen ist. Dann sieht man sie in einem neuen Umfeld, assoziiert sie mit anderen Dingen, zum Beispiel mit Bildern, die eine Kamera aufgenommen hat. Und dann, auf einmal, enthüllt sich eine Bedeutung, die nie gemeint, nie angedacht wurde, die vollkommen überraschend kommt. Und dann, auf einmal, wird aus einem harmlosen Satz, in dem es um ganz harmlose Pflanzen geht, eine geheime Botschaft, die überlebenswichtig sein kann. Zumindest für Blumenliebhaberinnen und nicht genetische Töchter aller Art.