Eröffnungsrede anlässlich der Ausstellung Sprechen über Kunst im Künstlerhaus Ulm


Dr. Susanne Lüdtke:

 

Das Spiel der Spiegelungen oder das Spiel der Reflexionen. Sie wissen ja, dass Reflexion auf der einen Seite eine visuelle Angelegenheit ist, sie reflektieren sich im Spiegel, auf der anderen Seite sind Reflexionen aber auch das was wir mit Gedanken beschreiben, mit Gedankengängen, mit Gedanken über eine Geschichte. Und in diesem Spiel der Spiegelungen bin ich die Nummer 4. Ich sage Ihnen warum. Es gab zum ersten die Kunst, es gab zum zweiten Reden über die Kunst, zum dritten machte Martina Staudenmayer aus diesen Reden wieder Bilder und viertens rede ich jetzt über die Bilder von Martina Staudenmayer. Noch einmal zum besseren Verständnis was überhaupt hier inhaltlich abgelaufen ist: in diesem Raum sind während eines Jahres Ausstellungen eröffnet worden und zu diesen Ausstellungen gab es Reden, Einführungsreden zu Ausstellungen, wie ich sie jetzt halte. Diese Einführungsreden hat Martina Staudenmayer aufgenommen, dieses Sprechen über Kunst, der Titel ihrer Ausstellung, war sozusagen ihr Rohmaterial mit dem sie gearbeitet hat. Sie hat diese Reden unter Verwendung der Gebärdensprache in Zeichnungen umgesetzt und auf transparentem Papier hängen diese Reden, für die allermeisten von uns gar nicht verständlich, wir können aber und wir haben das vorhin auch schon gesehen, darüber nachdenken was denn die einzelnen Handbewegungen ausdrücken könnten, wir können versuchen das zu verstehen, sie hängen wie Fahnen hier im Raum d.h. ein Jahr Sprechen über Kunst hängt jetzt als Kunstwerk hier in diesem Raum, in dieser Ausstellung. Die Handfertigkeit der Zeichnerin fasziniert uns auch wenn wir nicht die Gebärdensprache verstehen. Die Zeichnung ist ja sozusagen der Beginn der Bildenden Kunst, man kann sagen, die Linie und der Lehmballen das sind sozusagen die Anfänge der Bildenden Kunst, die Skulptur und die Zeichnung sind bis heute erhalten geblieben als Disziplinen der Bildenden Kunst. Und wenn sie an Keilschriften denken, wenn sie an Felszeichnungen aus der Steinzeit denken oder wenn sie an die asiatische Kalligraphie denken oder an Zeichnungen von Picasso beispielsweise, dann sehen sie welcher Reichtum in der Linie liegt, die Linie eröffnet uns eine ganze Welt und so ist es auch hier bei diesen Zeichnungen, die alle ein Thema haben, nämlich die Hand. Ich meine, dass diese Zeichnungen auch als Muster, als Ornament verstanden werden könnten und einfach nur in ihrer Ästhetik, in ihrer Zartheit, in ihrer Leichtigkeit genossen werden können. Aber es ist die Hand, die das alleinige Motiv dieser Arbeit ist. Die Hand hat ja einen besonderen Reiz, neben dem Gesicht ist es die Hand, die eigentlich am meisten von der Persönlichkeit eines Menschen spricht und wenn sie die Porträts in der Kunstgeschichte betrachten, dann ist es sehr häufig die Hand neben dem Gesicht, die zum Beispiel von dem Beruf eines Menschen, von seiner Tätigkeit auch von seinem Alter oder von seinem Charakter Zeugnis geben. Nicht ohne Grund sind das Gesicht und die Hände die Ausdrucksmittel des klassischen Portraits. Besonders bei Picasso fällt es mir auf wenn er in seinen späten Bildern die Hände und Füße so unglaublich überdimensioniert und ihnen damit eine besondere Wichtigkeit auch gibt. Aber denken sie auch an Begriffe wieHandfertigkeit, das trägt die Handschrift eines Menschen, Hand auflegen, Hand anlegen, unter der Hand eine Geschichte machen, handgreiflich, etwas handhaben, die Hand spielt ja auch in unserer Sprache eine unglaublich große Rolle. Eine Unzahl von Wörtern und Redensarten zeugen von der Bedeutung der Hand für den Menschen und in der Tat ist ja die Hand eines der wichtigsten Merkmale für den Menschen, es gibt kein anderes Wesen das diese Bewegung machen kann: beispielsweise die vier Finger mit dem Daumen zu verbinden. Das ist eine Eigenart, ein Charakteristikum des Menschen, das macht den Menschen sozusagen neben der Sprache zum Menschen, das ist die Voraussetzung dafür was er an Technik entwickelt. Im Vorfeld zu dieser Ausstellung stieß ich auf ein Buch von dem amerikanischen Wissenschaftler Frank Wilson: die Hand Geniestreich der Evolution, ihr Einfluß auf Gehirn, Sprache und Kultur des Menschen. Hand und Gehirn scheinen sich parallel entwickelt zu haben. Die Beweglichkeit der menschlichen Hand, die Fähigkeit Gegenstände, Werkzeuge und schließlich auch Technik zu bedienen verlief parallel zu den Fähigkeiten der Logik, zu den Fähigkeiten der gedanklichen Entwicklung, dem Denkapparat insgesamt, es gibt übrigens bis heute keine schlüssige Erklärung wie die Sprache entstanden ist. Aber es gibt Hinweise darauf, dass vor der artikulierten Sprache bereits eine Gebärdensprache existierte. Und unsere Dolmetscherin hat mir vorher erklärt, sie kann sich beispielsweise mit Chinesen unterhalten natürlich nicht alles ganz aus differenziert, aber es gibt eine Grundlage der Gebärdensprache die universal ist, die über die ganze Erde geht, wo sich Menschen ohne Worte unterhalten können. Die Theorie besagt, dass dieses eine eigene Sprache ist, die am Beginn unserer Sprechfertigkeit überhaupt steht. Viele Gebärden sind wie gesagt international, es gibt Buchstabe für Buchstabe die Entwicklung von Wörtern, da haben sie dann die französische Gebärdensprache und ähnliches mehr. Der Wilson sagt dazu:

Die Gebärdensprache ist anders als das in Handzeichen ausgedrückte Französisch. Geistige Sachverhalte werden stets klar und leicht verständlich zum Ausdruck gebracht. Diese Behauptung mag zunächst unglaubwürdig erscheinen, tatsächlich aber ist sie überaus einleuchtend. Selbst der einfachste äußere Gegenstand ist zusammengesetzt; unsere Vorstellung von ihm ist eine Kombination der Eigenschaften, durch die er auf unsere Sinne einwirkt. Die Vorstellung eines Pfrsichs setzt sich zusammen aus der Vorstellung von seiner Form, seinem Geschmack, seinem Aroma, seiner Farbe, und sogar dem Baum, auf dem er wächst. Alle diese Eigenschaften liefern uns Gebärden, die eine recht gute Beschreibung der isolierten Vorstellung von einem Pfirsich sind.“

(R.-A. Bebian..Essai sur les sourds-muets et sur le langage naturel 1817)

 

Die schönste Verbindung von Hand und Gehirn zeigt für mich das Wort begreifen, begreifen, anfassen, umfassen. Ein Wort, das natürlich einen Inhalt hat indem was wir intellektuell begreifen und in einer der Reden, die das Rohmaterial in Martina Staudenmayers Arbeit darstellen, heißt es: „Ich kann etwas begreifen, denn ich kann begreifen, dass ich es letztendlich nicht begreifen kann. Und genau daraus besteht die Schönheit generell von Kunst, dass sie uns nötigt zu sagen: ich begreife die Unbegreiflichkeit und genau das ist das Schöne.“ Zitat Dr. Friedrich Glaunert. Sie sehen diese Reden hinten an der Wand.........

 

Dr. Susanne Lüdtke, Esslingen

 

zurück zur Startseite